5 Fragen an… Bloggerin Nicole Stich von „delicious days“

Nicole Stich Buch Reisehunger

Wer Foodblogs mag, kennt auch Nicole Stich. 2005 hat die 41-jährige Münchnerin begonnen, auf „delicious days“ zu schreiben. Ihr englischsprachiger Blog wurde vom amerikanischen Time Magazin unter die 50 coolsten Websites weltweit gewählt. Sie veröffentlichte eines der ersten Blogger-Kochbücher in Deutschland. Jetzt, Anfang Februar, ist nach „delicious days„, „Geschenkideen aus der Küche“ und „Sweets“ (meine Rezension findet ihr hier) Nicole Stichs viertes Buch „Reisehunger“ erschienen. Darin nimmt sie ihre Leser auf eine kulinarische Weltreise mit. Route: USA-Portugal-Frankreich-Italien-Dubai-Griechenland-Singapur-Türkei. Reiseproviant: Von New York Cheesecake über Pakoras bis hin zu Souvlaki (und natürlich gibt es auch unbekanntere Leckereien).

Nicole Stich

Nicole Stich hat eigentlich Rechtswissenschaftschaften studiert, aber außerhalb von Praktika nie in diesem Bereich gearbeitet. Durchs Jobben in einer Werbeagentur ist sie quasi in die Bereiche Design und digitale Medien gerutscht. Seit 2007 arbeitet sie freiberuflich – und kann gut davon leben. „Den Schritt habe ich nie bereut“, sagt sie, „eher, dass ich so lange damit gewartet habe.“ Nicole Stich ist erfolgreich – obwohl man ihren Blog weder auf Facebook noch Instagram findet, obwohl es inzwischen teils Monate dauert, bis ein neuer Blogbeitrag erscheint. Das macht sie in meinen Augen so spannend.

Last but not least ist Nicole unheimlich sympathisch und bescheiden. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber bei so einem „Star der Szene“ wahrscheinlich etwas anderes 😉 Ich freue mich riesig, dass ich Nicole kürzlich ein paar Fragen stellen konnte. Herausgekommen ist ein tolles Interview über Bloggen als Beruf, Semmelknödel und Asiagerichte, die besten Ideen kurz vorm Einschlafen und das Schlachtfeld Küche. Das Gespräch mit Nicole Stich ist Teil meiner Reihe “5 Fragen an…”, bei der alle möglichen Back-Menschen im Mittelpunkt stehen – Buchautoren, Hobby-Konditoren, Blogger und viele mehr.

1. Liebe Nicole, „delicious days“ gibt es schon seit 2005. Ich weiß noch, wie toll ich es fand, als ich damals entdeckt habe, dass es so etwas wie Food Blogs überhaupt gibt 😉 Inzwischen ist dein Blog und alles, was damit zusammenhängt, längst nicht mehr nur dein Hobby. Als was bezeichnest du dich selbst eigentlich – was ist dein Beruf?

Nicole Stich: Da ich freiberuflich arbeite, hängt das immer vom jeweiligen Projekt ab. Den größten Teil nehmen Food-Fotografie, Rezeptentwicklung und das Schreiben rund ums Thema Essen ein, aber ich arbeite auch immer mal wieder an (digitalen) Konzepten oder entwickle Designs und Layouts.

2. Als du mit dem Bloggen begonnen hast, war das in Deutschland noch etwas besonderes. In den vergangenen 10 Jahren hat sich die Foodbloggerszene stark gewandelt. Wo siehst du die größten Veränderungen, was findest du toll, was stört dich vielleicht auch?

Nicole Stich: Vergleicht man neue Foodblogs mit dem Status Quo der Foodblogs aus meiner Anfangszeit, dann liegen da Lichtjahre dazwischen. Das Einstiegsniveau ist merklich gestiegen, viele neue Blogkonzepte wirken vom ersten Tag an sehr professionell und nicht selten wird ein Blog bereits mit einer bestimmten Agenda gestartet.

Dagegen gab es damals in jedem Land nur eine sehr überschaubare Zahl Foodblogger und man konnte binnen kürzester Zeit sogar einen guten Überblick über die weltweite Foodbloglandschaft gewinnen – bei den heutigen Blogzahlen wäre das absolut undenkbar. Heute ist es natürlich ungleich schwerer, eine treue Leserschaft aufzubauen, es gibt so gut wie nichts, was nicht schon da war, praktisch jede Nische rund ums Thema Essen ist vielfach besetzt. Und trotzdem schafft es von Zeit zu Zeit auch ein neues Blog, mein Herz zu erobern. Eine gute Mischung aus Persönlichkeit, Charme und den richtigen Rezepten spricht mich immer noch an. Kommerzielle Interessen finde ich andererseits nicht von vornherein abschreckend, solange Werbung transparent und zurückhaltend eingesetzt wird. Werden allerdings beliebige Industrieprodukte beworben oder nur noch Giveaways verlost, dann ist mein Interesse schnell erloschen.

Nicole Stich Reisehunger Rezept
Quelle: „Reisehunger“ / GU

3. Du spannst deine Leser teils ganz schön lange auf die Folter, bis ein neuer Blogbeitrag erscheint. Und hast sicher trotzdem alle Hände voll zu tun. Erzähl mal, wie kann man sich deinen (Arbeits-)Alltag vorstellen?

Nicole Stich: So vielfältig wie meine Projekte sind, so unterschiedlich gestaltet sich mein Arbeitsalltag. Manche Tage stehe ich nur in der Küche, manche Tage verbringe ich ausschließlich am Computer. Ziemlich heftig war die Fotoproduktion für Reisehunger, die ich komplett allein gestemmt habe – normalerweise sind an einer Produktion mit diesem Umfang 3 oder 4 Personen beteiligt. Das sah dann zwei Monate lang so aus:

Ich bin Frühaufsteher und werde spätestens um 6 Uhr von selbst wach. Passt das Wetter, laufe ich eine Runde, sonst gehe ich meinen Tagesplan durch (welche Rezepte werden heute fotografiert), schaue, was frisch eingekauft werden muss und durchforste meinen Styling-Fundus. Dann geht’s auf einen Cortado nach nebenan ins Cafe Solo, ein geschätztes Morgenritual seit mehr als 10 Jahren.

Nun wird eingekauft, je nach Rezept in Haidhausen oder für besondere Zutaten auch mal auf dem Viktualienmarkt. Das erste Setting wird gestylt, dann das zugehörige Gericht zubereitet (besonders wichtig: Mise en Place für die finale Deko des Gerichts, da muss es manchmal super schnell gehen), angerichtet und fotografiert. Manchmal braucht es 20 Fotos bis ich mit dem Ergebnis glücklich bin, manchmal 80. Der Küchenstatus danach: Ein absolutes Schlachtfeld.

Die Bilder werden unmittelbar in Lightroom gesichtet, meine Checkliste überprüft (Entspricht das Format der Bildliste? Focus und Belichtung ok? Keine ersichtlichen Widersprüche zum Rezepttext? Reicht der Platz für den darüberlaufenden Text? etc.), da ich jetzt mit relativ geringem Aufwand noch einen zusätzlichen Durchgang dieses Gerichts fotografieren könnte. Außerdem mache ich mir beim Zubereiten Notizen zum Rezept, da ich alles streng nach meinem fertigen Manuskript koche und backe – sind noch Anpassungen nötig, dann wird das vermerkt und später eingearbeitet. Dann werden die Reste aufgegessen, bzw. wandern (je nach Tageszeit und Vorlieben) zu unseren Nachbarn. Zwischenzeitlich werden Mails beantwortet und ich stimme mich mit meiner Redakteurin über die Rezeptbilder vom Vortag ab. Nun wird die Küche wieder auf Vordermann gebracht und es geht von vorne los: Stylen, Kochen/Backen, Anrichten, Fotografieren, Bilder sichten. Je nachdem wie aufwändig die Rezepte sind und wie das Wetter mitspielt (ich fotografiere ausschließlich bei Tageslicht), schaffe ich zwei oder drei Rezepte an einem Tag. Spätestens um 18.30 Uhr war bei dieser Produktion immer Schluss.

War ich morgens nicht Laufen, dann geht’s jetzt raus in den Englischen Garten. Gehirn durchpusten lassen, gute Musik – es gibt nichts besseres zum Abschalten nach einem solchen Tag! Zum Abendessen gibt’s entweder Reste des Tages oder etwas, auf das ich gerade Lust habe (einmal hatte ich zum Beispiel den ganzen Tag asiatische Gerichte fotografiert, da wurden dann am Abend tatsächlich Semmelknödel mit Schwammerln gekocht).

Ab etwa 21 Uhr sitze ich wieder am Computer und treffe eine Vorauswahl der Bilder des Tages, bearbeite sie, erstelle daraus eine Slideshow und schicke die Links an meine Redakteurin. Arbeite angefallene Änderungen ins Manuskript ein und update meine Fotoübersicht des aktuellen Kapitels. Und lege noch fest, was ich am nächsten Tag fotografieren werde, wie das Styling aussehen soll etc. Meist kommen mir allerdings kurz vor dem Einschlafen die allerbesten Ideen.

Parallel zu so einer Fotoproduktion laufen allerdings auch alle anderen Handlungsstränge am Kochbuch weiter – es werden Cover-Diskussionen mit der Redaktion geführt, ich stimme mich mit Verlag und Agentur über das finale Layout ab, Ideen für das Vorsatzpapier werden gewälzt, Props müssen nachgeordert bzw. neu aufgetrieben werden, Sonderseiten mussten neu strukturiert werden, meine Lektorin möchte Feedback auf ihre Fragen, Texte müssen gekürzt werden, etc. In der heißen Phase wünsche ich mir manchmal schon, dass meine Tage ein paar mehr Stunden hätten und natürlich kommt das Bloggen da leider oft zu kurz.

Nicole Stich Sweets
Quelle: „Sweets“ / GU

4. „Reisehunger“ ist dein viertes Buch nach „delicious days“, „Geschenkideen aus der Küche“ und „Sweets“. Das Thema ist ja ziemlich weit gefasst. Wie bist du bei der Arbeit und der Rezeptauswahl vorgegangen?

Nicole Stich: Ich sammle schon seit ich denken kann Reiseimpressionen rund ums Essen, seien es besondere Gerichte, die ich gegessen habe oder Rezeptideen, die ich mir spontan notiert habe. Da jedes der acht Länderkapitel für sich ein breites Spektrum abdecken sollte, war die grobe Struktur schnell gefunden: Was zum Frühstück, Appetizer oder Suppe, Hauptgericht mit Fleisch/Fisch/vegetarisch, Salate, Dessert/Gebäck. Dann wurde mein Rezeptrepertoire durchstöbert und meine Favoriten wurden ausgewählt. Wichtig ist dabei immer, den Blick aufs große Ganze nicht zu vernachlässigen, damit auf 240 Buchseiten eine bunte Mischung mit abwechslungsreichen Zutaten zusammenkommt. Außerdem sollten sich leichte, schnelle Rezept mit anspruchsvolleren abwechseln. So entstand nach und nach ein grober Rezeptplan, der über viele Monate hinweg auch meinen privaten Speiseplan bestimmte. Alle Rezepte wurden (zum Teil mehrfach) zubereitet, Freunden und Nachbarn zum Verkosten vorgesetzt oder zum Testkochen gegeben.

Danach ging das fertiges Manuskript an meine Redakteurin (die die Rezepte ihrerseits nochmal an Testköche gab). Da ich seit 2007 für GU schreibe, sind mir die Rezepterfordernisse des Verlags inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen und ich weiß bereits beim Rezeptschreiben, was Redaktion und Lektorat mir nicht durchgehen lassen würden, bzw. wo Fragen kommen werden. Das war zu Beginn eine harte Schule, aber ich schätze ihr Wissen, ihre Akribie und den Blick für kleinste Details wirklich sehr. Parallel dazu haben wir eine Bildsprache für die Rezeptfotografie festgelegt und ich habe begonnen, für die spätere Fotoproduktion einzukaufen: Untergründe, Töpfe, Pfannen, Teller, Besteck, Textilien – eben alles, was auf den Bildern zu sehen sein sollte und was sich noch nicht in meinem Fundus befand. (Die Fotoproduktion habe ich ja bereits beschrieben.)

5. Zuletzt würde ich noch gerne dein liebstes (Back-)Rezept aus „Reisehunger“ wissen.

Nicole Stich: Das fühlt sich ein wenig an, als müsste man eines seiner Kinder verraten! Jedes Backrezept hat auf eine andere Art einen besonderen Platz in meinem Herzen, oder es befriedigt eben ein besonderes Bedürfnis (Schokolade! Hefegebäck! Geht schnell! etc.). Grade habe ich wieder Amaretti morbidi mit Pistazien gebacken, zu denen mich ein Zufallskauf Kekse in einer unscheinbaren Pasticceria in Ragusa/Sizilien inspiriert hat. Die behalten innen eine herrlich “knatschige” Konsistenz, vorausgesetzt man backt sie nicht zu lange. Die mag ich schon sehr, sehr gern!

Hinweis: Nicole Stichs Rezept für Amaretti werde ich in den nächsten Tagen natürlich noch posten 🙂

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3 Kommentare

  1. Da schließe ich mich an, danke für dieses Interview mit super interessanten Einblicken wie ein Kochbuch entsteht. Ich lese Nicoles Blog seit vielen Jahren und auch ihr neues Buch wird bald bei mir einziehen. Jetzt freue ich mich noch mehr darauf!!!!!

  2. Avatar von Madeleine JustinMadeleine Justinsagt:

    Liebe Kathrin, danke für das tolle Interview. Auch wenn der Fokus deines Blogs natürlich auf leckeren Rezepten liegt, finde ich solche Beiträge eine wirklisch schöne Abwechslung.
    Das Buch „Reisehunger“ habe ich letzte Woche direkt über Amazon bestelllt und eben habe ich die Nachricht erhalten, dass es sogar schon heute in der Packstation auf mich wartet. Ein frisch gedrucktes Exemplar also, denn eigentlich sollte es erst ab dem 16. Februar geliefert werden ;).

    Viele Grüße aus Essen,
    Madeleine